Krebsimmuntherapie beim HCC, neues Kapitel in der Therapie

3. November 2020 | Kategorie: Substanzen

 

Haematologie-info  

In den vergangenen Jahren gab es mehr als 10 Phase-III-Studien beim hepatozellulären Karzinom (HCC), doch keine von ihnen brachte seit der Einführung von Sorafenib vor über einer Dekade einen relevanten Therapiefortschritt. Die am 27.10.2020 erfolgte EU-Zulassung des PD-L1-Inhibitors Atezolizumab (Tecentriq®▼) in Kombination mit Bevacizumab (Avastin®) bedeutet einen therapeutischen Meilenstein für die First-Line-Therapie erwachsener Patienten mit fortgeschrittenem oder nicht resezierbarem HCC. Es ist die erste zugelassene Krebsimmuntherapie beim Leberzellkarzinom (1). Grundlage für die Zulassung sind die positiven Resultate der Phase-III-Studie IMbrave150: Sowohl das Gesamtüberleben (OS) als auch das progressionsfreie Überleben (PFS) werden bei längerem Erhalt der Lebensqualität signifikant verbessert (2, 3). Der Kombinationsansatz war in allen Endpunkten signifikant überlegen.

Das HCC gehört mit rund 8.000 Todesfällen pro Jahr zu den zehn häufigsten krebsbedingten Todesursachen in Deutschland (4). Therapieoptionen mit Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) stellten lange Zeit den Standard dar: „Systemtherapeutische Ansätze sind beim HCC erst seit 2007 verfügbar, davor waren nur die Operation und lokale Interventionen durch den Radiologen möglich“, erinnert sich Prof. Dr. Peter R. Galle, Mainz, Studienarzt der IMbrave150. „In der Erst- und Zweitlinie standen uns bislang rund 5 verschiedene Medikamente zur Verfügung, mit jedoch bedeutsamen Nebenwirkungen. Auch waren diese in ihrer Effektivität begrenzt.“ Aufgrund einer initial asymptomatischen Entwicklung wird das HCC in bis zu 70% der Fälle erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Unbehandelt überlebt bislang weniger als die Hälfte der Patienten mit fortgeschrittenem HCC länger als ein Jahr (5).

Krebsimmuntherapie: Erster Therapiefortschritt seit über einer Dekade

„Mit der Immuntherapie hat eine neue Ära auch in der Indikation HCC begonnen. Nach interessanten ersten Signalen wurden verschiedene Kombinationsregime untersucht, darunter auch Tecentriq in Kombination mit dem Angiogenesehemmer Avastin“, erläutert Prof. Galle. „Damit ist es jetzt erstmalig gelungen, das OS gegenüber mit Sorafenib behandelten Patienten signifikant zu verbessern.“ Die Studiendaten der IMbrave150 zeigen: Das Mortalitätsrisiko bei HCC-Patienten war mit der Kombinationstherapie aus Tecentriq und Avastin gegenüber der Behandlung mit Sorafenib um 42% reduziert (OS: NE vs. 13,2 Monate im Sorafenib-Arm; HR=0,58; 95%-KI: 0,42-0,79; p=0,0006).

Patienten profitieren zudem von einer signifikanten Reduktion des Progressionsrisikos um 41% gegenüber der Behandlung mit dem TKI (medianes PFS: 6,8 Monate vs. 4,3 Monate im Sorafenib-Arm; HR=0,59; 95%-KI: 0,47-0,76; p < 0,0001) (2). „Bei der Kombination mit Tecentriq und Avastin wird das Tumormikromilieu durch die Angiogenesehemmung immunmodulatorisch positiv beeinflusst und so der Immuneffekt der PD-L1-Inhibiton verstärkt“, beschreibt Prof. Galle die Rationale hinter der Wirkstoffkombination. „Positiv ist ebenfalls die hohe Rate an partiellen und kompletten Remissionen (CR) zu bewerten, die durch die Kombination induziert werden“ (ORR nach RECIST 1.1: 27% vs. 12% im Sorafenib-Arm; CR: 6% vs. 0%) (2). Gute Verträglichkeit: Längerer Erhalt der Lebensqualität

Die Kombination aus Tecentriq und Avastin ist der bisherigen Standardtherapie in allen Endpunkten klinisch bedeutsam überlegen – bei gleichzeitig längerem Erhalt der Lebensqualität: „Die Daten zur Lebensqualität sind im Vergleich zu Sorafenib überzeugend besser“, betont PD. Dr. Carsten Ziske, Troisdorf, in Bezug auf die Daten zur Lebensqualität aus der IMbrave150. „Die Studiendaten zeigen, dass die Nebenwirkungen der Krebsimmuntherapie durch Avastin sich nicht relevant ändern. Man erlebt bei HCC-Patienten keine Überraschungen in Bezug auf unerwünschte Ereignisse; die bisher bei anderen Tumorentitäten beobachteten Nebenwirkungsprofile treffen auch auf HCC-Patienten mit Leberzirrhose zu.“

Die PRO-Daten (Patient-reported Outcomes) zeigen, dass Patienten mit der Kombination aus Tecentriq und Avastin 11,2 Monate vom Erhalt der Lebensqualität profitieren, im Gegensatz zu 3,6 Monate unter Sorafenib (HR: 0,63; 95 %-KI: 0,46 – 0,85) (3). „Im Vergleich zu den zielgerichteten Therapien mit TKIs liegt ein großer Vorteil der Krebsimmuntherapie auch darin, dass sie bei Patienten mit schlechter Leberfunktion besser verträglich ist“, schildert Dr. Ziske seine Praxiserfahrung.

„Insgesamt ist das Nutzen-Risiko-Profil von der Tecentriq/Avastin-Kombination klar positiv zu bewerten“, resümiert Dr. Ziske. „Mit der Zulassung ist diese Kombination aus meiner Sicht die derzeit bestmögliche Strategie für HCC-Patienten in fortgeschrittenem Stadium in der First-Line-Behandlung.“ Eine Einschätzung, die auch Prof. Galle teilt: „Das ist für mich der neue Standard. Wir haben eine Überlegenheit gegenüber dem alten Standard gesehen. Insofern kommt diese Therapie initial zum Einsatz, um einen möglichst maximalen Effekt zu erzielen.“

Literatur:

(1) Fachinformation Tecentriq® 1200 mg, aktueller Stand
(2) Finn RS et al., N Engl J Med 2020; 382(20): 1894-1905
(3) Galle PR et al., J Clin Oncol 2020; 38 (Suppl. Abstract 476)
(4) www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2019/kid_2019_c22_leber.pdf
(5) Giannini EG et al., Hepatology 2015; 61: 184-190

Quelle: Roche


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